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Sprichwörtlich #9

In unserer Serie „Sprichwörtlich“ geht es diesmal um die Redewendung: „Mir reißt der Geduldsfaden“...

Eine Erfahrung, die Sie bestimmt auch schon gemacht haben: Ihre Internetverbindung funktioniert nicht. Sie haben den Router ein- und ausgeschaltet; auf der Rückseite des Geräts den Reset-Knopf gedrückt und dann gezählt: 22, 23, 24, 25. Denn nach ein paar Sekunden, so hat es der Mitarbeiter der Hotline Ihnen erzählt, erinnert sich die kleine Maschine an nichts mehr. Ein paar Sekunden reichen, um Tabula rasa zu machen, klaren Tisch.

Funktioniert aber trotzdem nicht. Sie schalten den Router wieder ein und dort, wo bei der Aufschrift „WLAN“ ein grünes Licht leuchten sollte, blinkt es nervös. In etwa so lässt sich auch Ihre emotionale Situation beschreiben: Statt besonnen zu reagieren, wie es sonst der Fall ist, macht sich allmählich Unmut in Ihnen breit. Denn Sie fummeln jetzt schon eine gute Stunde an dem Ding herum, versuchen parallel, die Hotline erneut zu erreichen, landen in der Warteschlange, stellen den Lautsprecher Ihres Smartphones an und das Gedudel der Warteschleifenmusik wird zur Hintergrundmelodie Ihrer zunehmenden Ungeduld.

Und was passiert jetzt, während Sie nach 20 Minuten endlich durchgekommen sind, und der Hotline-Mitarbeiter Ihnen erklärt, dass er leider nichts für Sie tun kann, weil sich das Ganze dann doch wohl der Techniker anschauen muss, zu dem er aber nicht durchstellen kann, weil die Leitungen besetzt sind, und er gibt Ihnen deshalb die Technik-Hotline-Nummer, die Sie anrufen, nur um dann wieder in einer Warteschleife zu hängen?

Ja, genau, Folgendes passiert: Ihnen. Reißt. Der. Geduldsfaden!

Was für ein schönes Bild, das sich Menschen irgendwann einmal ausgedacht haben, um zu zeigen, dass die Geduld ausgeschöpft ist, dass es reicht, dass sich das eigene Temperament vom friedlichen Schaf zum wilden Wolf verändert an.

Schauen wir uns einmal die Geduld an. Sie ist eine hohe christliche Tugend wie Gerechtigkeit, Treue oder Wahrhaftigkeit. Keine der Tugenden ist einfach zu leben. Im Gegenteil: Ungeduld muss niemand üben, Geduld aber schon. Es besteht also zwischen diesen beiden Eigenschaften ein starkes Wechselspiel.

Im 16. Jahrhundert wurde die Geduld deshalb mit einem Bogen verglichen, wie er zum Beispiel fürs Spielen einer Geige genutzt wird: Wenn man den Bogen zu sehr beansprucht kann es sein, dass die Sehne reißt. Aus der Bogensehne wurde dann irgendwann der Faden, genau genommen der Geduldsfaden.

Es gibt aber noch eine andere Erklärung, die aus der Textilwelt kommt: Früher wurden Fäden an der Spule aufgezogen – eine Arbeit, die die Geduld der meist weiblichen Spinnerinnen beanspruchte. Denn zogen sie zu grob oder unaufmerksam, war es gut möglich, dass der Faden reißen würde.

Gleichgültig, welche der Erklärungen Sie bevorzugen – vielleicht hilft Ihnen in der nächsten Situation ein Sprichwort von Benjamin Franklin, geduldiger zu sein: Wer Geduld hat, kann haben, was er will.

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